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An der ukrainischen Grenze im Einsatz - Ein Augenzeugenbericht von Inbal

Ein Lagebericht von Inbal Nehmad, Schulleiterin

 

Das Kinderdorf Kiriat Yearim in den Judäischen Bergen auf dem Weg nach Jerusalem ist bekannt dafür, gefährdeten Kindern in Israel eine stabile Zukunft zu schaffen. Jetzt wo der Krieg in der Ukraine wütet, werden unschuldige Menschen zu Opfern und zu Flüchtlingen, deren Zukunft unklar ist. Das hat uns dazu bewegt, Hand anzulegen, um vor allem den Frauen und Kindern mit dem Nötigsten beizustehen, wie medizinische Betreuung, Nahrung, Kleider, Pflegemittel, Windeln, Babytrage, Kinderbuggies und einem Dach über dem Kopf. 

Wir sind rund um die Uhr im Einsatz, um mit aller körperlicher und seelischer Kraft zu helfen. Gestern war die Anstrengung gross. Den Morgen verbrachte ich im Frauenzelt am Grenzübergang. Der 22-jährige Josef von der Jewish Agency ist in den schwer umkämpften Kriegsgebieten im Einsatz, um Leute zu retten. Gestern brachte er aus dem ständig bombardierten Charkiw in unser Zelt eine Mutter mit ihrem Sohn. Sie hatte drei Schlaganfälle erlitten und ihr 33-jähriger Sohn ist invalid im Rollstuhl. Wir empfingen sie mit einem Lächeln auf dem Gesicht, mit Verpflegung und neuen Kleidern, die sie seit Tagen nicht gewechselt hatten. Sie konnten sich endlich auf den aufgestellten Betten ausruhen. Die Mutter pflegte ihren Sohn mit einer Hingabe, die ich so schon lange nicht mehr gesehen habe. Sie gab ihm mit dem Schoppen zu trinken, löffelte ihm geduldig das Essen ein, wischte ihm den Mund ab. Andererseits hielt sie ihn an, so gut es ging, selbstständig zu sein. Es war ihr wichtig, dass er gepflegt aussieht. Deshalb brachten wir ein Verlängerungskabel ans Bett, damit sie ihn rasieren konnte. Es sind auch die kleinen Dinge, die die Menschenwürde erhalten. 

Etwas später traf eine Ambulanz mit Freiwilligen ein, die auf einer Bahre eine verletzte Frau aus dem Kriegsgebiet brachten. Sie wurde in unserem Zelt medizinisch versorgt. Sie war auf die ganze Welt wütend, obwohl hier alle liebevoll um sie bemüht waren. Wir waren aber darauf vorbereitet worden, dass viele der Flüchtlinge ihre Wut, Frustrationen und die furchtbaren Schmerzen an uns auslassen werden. 

Unter den Flüchtlingen kamen auch viele kinderreiche Sinti und Roma Familien an. Diese scheinen die Situation etwas besser zu meistern, weil sie ja mit dem Wanderleben vertraut sind. Das Kinderzelt wird abends geschlossen, und nicht abgeholte Kinder wurden in meiner Begleitung in eine geschlossene Behausung gebracht. Nach dem Spiel mit ihnen draussen sieht die Wirklichkeit drinnen dann traurig aus: Ein Elternpaar, das zusammen auf dem schmalen Bett lag, nicht aus Platzmangel, aber um Wärme und Trost zu finden. Ein Geschwisterpaar bat mich noch etwas zu bleiben, um mit ihnen zu spielen. Wir machten kleine Kugeln aus Plastilin. Das vierjährige Mädchen fing an, sie mit einer Steinschleuder zu schiessen, dann sagte sie “Putin, Puff!”, imitierte mit den Armen eine Explosion und warf sich tot zu Boden. Ich konnte kaum noch atmen. 

Dagegen gab es auch viele belohnende Momente, wie die Dankbarkeit beim umarmenden Abschied von weiterziehenden Flüchtlingen, der Invalide, der neben mir auf dem Boden sass und mir seine Hand ausstreckte, die vielen völlig erschöpften Freiwilligen, die aber stets mit einem Lächeln auf dem Gesicht ihre Dankbarkeit ausdrücken, dass sie helfen dürfen. 

Ich lege einige Bilder von unserer Arbeit mit den Flüchtlingen bei, nicht ohne vorher ihre Erlaubnis erhalten zu haben, um ihre Privatsphäre zu respektieren. Meinen Schülern zuhause möchte ich sagen, wie stolz ich auf sie bin, als ich vernahm, dass sie gut lernen und arbeiten, was mir die nötige Ruhe und Sicherheit gibt, mich voll meiner Aufgabe hier widmen zu können. 

Ich wünsche allen ein schönes Wochenende, ich liebe und vermisse euch!

Inbal

Übersetzt aus dem Hebräischen von Dr. Victor Weiss, Projektbeauftagter in Israel vom Verein Kiriat Yearim